"Die Stadt im Westen"



Mein neuestes Projekt ist die Geschichte der Mara vom Nikolassee von ihrer Geburt bis zum Ende ihrer Pilgerreise. Hier ein kurzer Textauszug, bin für Anregungen und Hinweise dankbar (insbesondere falls sich jemand mit dem Leben der Pilger/ Kreuzfahrer und allen anderen Menschen im Jeruslaem der Jahre 1243/44 auskennen sollte). Ich hoffe, mit der ganzen Geschichte Ende dieses Winters fertig zu werden. 
Die Kurzfassung der Geschichte ist in etwa die, die auf unserer Homepage anhand der einzelnen Personen beschrieben wird.
 




Viel Spaß beim Lesen!

Auszug aus dem Roman "Die Stadt im Westen"

II.

 

Die erste Erinnerung im Leben von Mara war das weiche rötlich-goldene Haar ihrer Kinderfrau. Mara spielte gerne mit den langen Flechten und Ishild bewies eine Engelsgeduld mit der Sechsjährigen. Gräfin Ursula hatte lange Zeit gebraucht, um sich von der letzten Schwangerschaft wieder zu erholen. Aber nach einiger Zeit war der Alltag auf der Burg wieder eingekehrt. Maras Brüder Dietrich und Heinrich waren mittlerweile zu jungen Burschen herangewachsen. Der ältere von beiden war bereits in die Dienste von Herwigs Bruder Lothar getreten, Heinrich war einen Sommer später gefolgt. Mara war ein Wirbelwind. Immer wieder mussten Ishild und die Gräfin nach dem kleinen Mädchen suchen, welches sich einen Spaß daraus machte, mit ihnen verstecken zu spielen.

Auch an diesem warmen Sommertag im Jahre des Herrn 1216 sauste sie über den Hof der Burg. Mit gerafftem Kleid und schuhlosen Füßen übersprang sie die Schwelle zum Stall. Ein warmer und leicht stechender Geruch schlug ihr entgegen. Doch Mara machte das überhaupt nichts aus. Im Halbdunkel des Stalles kannte sie hunderte von Verstecken, hier würde sie Ishild niemals finden. Mara lehnte sich im Heu zurück. Das Geräusch mahlender Kiefer lies sie müde werden. „Mara! Mara!“ hörte sie noch die Stimmen ihrer Mutter und Ishilds. Mara drehte sich auf die Seite und hielt sich die Ohren zu. Sie wollte nicht schon wieder still sitzen müssen. Auch die Nadeln konnte sie mit ihren kleinen Fingern noch nicht richtig halten und stach sich immer wieder. Sticken und Nähen war ihr verhasst. Viel lieber saß sie an der Seite ihrer Mutter und hörte ihren Geschichten zu. Von tapferen Rittern, schnellen Pferden und stolzen Jungfrauen war in ihnen die Rede. Mara träumte sich dann immer in ein weit entferntes Land, in dem jeden Tag die Sonne schien und alle Menschen glücklich waren. Meistens passierte es dann, dass sie durch einen Stich mit der eigenen Nadel unsanft in die Realität zurück geholt wurde.

 Sollten sie doch alleine sticken, sie würde hier im Stall warten, bis es dunkel wurde! Die Tiere gaben ihr Sicherheit, ihre Geräusche waren vertraut und Mara schlummerte langsam ein. Später am Tag schlich sie sich aus dem Stall und lief auf die angrenzende Weide. Auf der anderen Seite des Zaunes begann der Wald. Mara kletterte über den Zaun. Sie wollte sich bei den Tieren dafür bedanken, dass sie sich bei ihnen immer so gut aufgehoben fühlte. Dafür sollte es heute ein Festmahl geben. Die Weide war längst abgegrast und Mara suchte nach zarten Kräutern und saftigen Gräsern. Auf einer stillen Lichtung brach die Sonne durchs Geäst. Mara konnte förmlich die einzelnen Strahlen sehen, auf denen Staubkörner tanzten. Ein Schmetterlingspärchen flatterte umeinander, Vögel lobten den Tag mit ihrem Gesang. Mara entdeckte eine Ansammlung von Pflanzen, welche saftige Blätter und kleine gelbe Blüten hatten. Das war das Festmahl, auf das sie gehofft hatte. Schnell raffte sie so viel von dem Kraut zusammen, wie sie tragen konnte und kehrte zur Burg zurück. Vorsichtig lugte sie um die Ecke, ob Ishild oder ihre Mutter auf dem Hof zu sehen waren. Kein Mensch hielt sich um diese Tageszeit dort auf. Die Knechte und Mägde suchten den Schatten, um dort ihre Arbeit zu verrichten, Ishild und Ursula waren längst in die Kemenate zurück gekehrt.

Mara huschte in den Stall. Als sie mit beiden Händen die Kräuter in den Raufen der Tiere verteilte, muhten diese fröhlich zurück. Mara legte sich wieder in das Heu und sah ihnen beim Kauen zu. Insgeheim freute sie sich darüber, dass sie sich auf diese Weise bei den Kühen bedanken konnte. Am Abend schlich Mara leise in den Bergfried. Sie wollte gerade um die Ecke biegen, als sich vor ihr Ishild aufbaute. Beide Hände in die Seiten gestützt, wirkte die junge Magd gar nicht mehr so freundlich, wie sonst. „Da bist du ja!“ stellte sie fest. „Und schmutzig wie eine Horde Bauern. Schämst du dich nicht? Wie die Tochter eines Grafen siehst du nicht gerade aus. Lass das bloß nicht deine Mutter sehen, sonst trifft sie noch der Schlag. Mach erst mal, dass du in die Küche kommst, wir werden schon etwas warmes Wasser und Seife für dich finden!“

 Mara sauste davon, hinter ihr kam Ishild mit einem verschmitzten Lächeln. Sie konnte der Kleinen einfach nicht böse sein. Nun mussten sie sich aber sputen, da Ursula schon seit Stunden nach ihrer Tochter fragte und  mittlerweile sehr ungehalten war. Mara saß im großen Zuber in der Küche und schwatzte munter darauf los. Sie berichtete von ihrem Ausflug in den Wald, erzählte von den Schmetterlingen und den Vögeln. Ishild hörte nur halbherzig zu. Ihr machte mehr Sorgen, wie sie den Unmut der Gräfin besänftigen konnten.

 

Auch Ursula machte sich Gedanken. Ihre Söhne entwickelten sich prächtig, aber ihre Tochter schlug so ganz aus der Art. Sie zeigte weder Interesse für die weiblichen Tugenden wie Sticken und Nähen, noch kümmerte es sie, wie der Haushalt organisiert werden musste. Früher oder später hatte sie jedoch hier ihre Bestimmung. Einzig und allein wenn Ursula die alten Geschichten hervorholte, konnte man Mara dazu bewegen, sich still in eine Ecke zu setzen und zu lauschen. Dann rührte sie sich stundenlang nicht, saß da mit offenem Mund und starrte ihre Mutter an. Wer weiß, was dann in ihrem Kopf vorging. Ursula nahm sich vor, strenger ihrer Tochter gegenüber zu sein. Das Rumtollen in den Ställen und auf dem Hof gehörte nun der Vergangenheit an, aus Mara sollte schließlich eine junge Dame werden.

Kurz darauf klopfte es leise an die Tür. Eine rot gescheuerte Mara wurde von Ishild in die Kammer geschoben. Die Augen auf den Boden geheftet kam ihre Tochter langsam auf sie zu. „Ach Mara“, seufzte die Gräfin, „was soll ich nur mit dir machen? Wie soll aus dir mal eine Gräfin werden? Irgendwann musst du genau die Aufgaben erledigen, die ich jetzt habe und wie willst du das dann machen, wenn du sie nie gelernt hast? Außerdem könnte ich in meinem Alter eine Hilfe gebrauchen, ich schaffe auch nicht mehr so viel wie früher!“ Mara schaute weiterhin zu Boden. Eine Träne löste sich von ihrem rechten Auge und fiel herunter. Ein leises Schniefen war zu hören. Ursula räusperte sich. „Wenn du mir in den nächsten Tagen mehr zur Hand gehst, dann erzähle ich dir auch bald wieder eine deiner Lieblingsgeschichten.“ Mara sah hoffnungsvoll auf. Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Kann ich trotzdem noch zu den Tieren? Bitte, Mutter, nur ab und zu.“ Ursula lächelte. „Gut, aber erst wenn du dein Tagwerk verrichtet hast. Und nicht zu lange.“ Mara stieß einen kleinen Freudenschrei aus und lief auf ihre Mutter zu. Sie umarmte die Röcke der Gräfin und verbarg ihr Gesicht im Stoff. Ursula streichelte ihr den Kopf. Auch sie konnte ihrer Kleinen nun mal nicht böse sein.

 

Zwei Tage später kam Konrad, der Stallknecht, am frühen Nachmittag aufgeregt zu Graf Herwig. „Herr, es ist etwas Furchtbares mit den Rindern. Seit heute morgen fressen sie nicht mehr. Das Futter steht unangetastet in den Raufen. Kommt und seht selbst!“ Graf Herwig stand auf. Der Wein  vom Vorabend hatte in ihm das Gefühl hinterlassen, sein Schädel sei gespalten. Müde und schlecht gelaunt stiefelte er hinter Konrad her. Der Knecht öffnete die Tür zum Stall. Das etwas mit den Tieren nicht stimmte, war auf den ersten Blick zu sehen. Teilnahmslos standen die Rinder in ihren Boxen, einige hatten die Hälse schief verdreht, zwei lagen auf der Seite und atmeten schwer. Konrad berichtete weiterhin, dass beim Melken merkwürdig rotblau gefärbte Milch bei einigen Kühen hervorgekommen sei. „Die Tiere sind verhext!“ Graf Herwig zuckte zusammen. Wer konnte solch eine furchtbare Tat begangen haben? Das es hier mit dem Teufel zugehen musste, lag auf der Hand. Wen hatte er sich zum Feind gemacht? Auf die Schnelle fiel ihm niemand ein. `Denk nach!` arbeitete es in seinem Kopf. Eine weitere Kuh sank langsam zu Boden. Konrad hockte sich daneben und streichelte ihren geblähten Leib. „Sie fühlt sich warm an, sie muss Fieber haben.“ Bis zum Abend hatten zwei Rinder ihr Leben ausgehaucht. Mara, die in den Stall wollte, wurde von Ursula und Ishild nur mit Mühe daran gehindert. Wer weiß, welches Hexenwerk hier sein Unwesen trieb?

 

In der folgenden Nacht musste nach der Hebamme gerufen werden. Griselda, die junge Magd aus der Küche, hatte weniger Glück gehabt als Ishild. Auch sie war dem Grafen einmal zu oft über den Weg gelaufen. Nun trug sie schon seit Monaten schwer an der Frucht, die in ihrem Leib gewachsen war. Griselda kämpfte mit den Wehen. „Es steckt verkehrt herum.“ Sigrun flüsterte die Worte Ishild zu, die ihr ihre Instrumente zureichen sollte. „Ich kann auch keine Herztöne vom Kind hören. Entweder ist die Frucht bereits tot, oder sie wird es noch heute im laufe der Nacht sein, wenn wir nicht schnell handeln!“ Sigrun wusch sich ausgiebig die Hände. Hinter ihr schrie sich Griselda die Seele aus dem Leib. Dass die junge Frau starke Schmerzen haben musste, stand außer Frage.

Einen großen Tiegel mit Fett hatte Ishild bereits geöffnet und hielt ihn nun Sigrun hin. Sigrun benetzte ihre Hände und Unterarme, rieb sich bis zu den Ellenbogen mit dem talgigen Fett ein. Dann griff sie zwischen Griseldas Beine. Mit einer Hand fühlte sie oberhalb des Bauchnabels, ob ihre Bemühungen Erfolg zeigten. „Es stimmt, es kommt mit den Beinen voran!“ keuchte sie zwischendurch. Griselda wimmerte vor sich hin. „Versuche, nicht zu pressen! Vielleicht kann ich es noch drehen“, herrschte Sigrun sie an.

Griselda presste die Lippen aufeinander. Sie hatte das Gefühl, dass in ihrem Unterleib ein Feuer brannte. Eine erneute Welle des Schmerzes ließ die Umgebung versinken. Griseldas Augen verdrehten sich, ihr Kopf fiel zu einer Seite. „Sie ist ohnmächtig“, sagte Ishild aus dem Hintergrund. „Das ist auch besser für sie, wer weiß, wie das endet.“ Sigrun verschwand wieder bis zum Ellenbogen in der jungen Frau. Sie konnte nur zwei kleine Füße ertasten, weiter oben den Rückenansatz. „Das Kind steckt schon zu tief“, stellte sie zähneknirschend fest. „Ich kann es nicht mehr drehen. Ich werde es vorsichtig herausziehen! Bleib in meiner Nähe, Du musst es mir abnehmen!“ Die letzten Worte stieß sie zwischen den Zähnen heraus. Sie holte tief Luft und begann langsam an den Beinen des Kindes zu ziehen. Griselda stöhnte kurz auf, war dann wieder still. Blut strömte über Sigruns Arme, sein schwerer Duft erfüllte den Raum. Die Kerzenflamme drohte zu erlöschen, flackerte dann aber noch mal kurz auf und wurde wieder heller. „Licht, ich brauche mehr Licht!“ Sigrun sah sich nach Ishild um. Diese war schon dabei, die beiden noch in der Kammer befindlichen Stumpen an der Kerze anzuzünden.

Sigrun fasste noch einmal nach und zog ein winziges blaurotes Etwas aus der ohnmächtigen Magd. Um den Hals hatte es mehrere Schlingen der Nabelschnur, kein Atemzug zeigte an, dass es lebte. Schnell entfernte Sigrun die Schlaufen, die wie ein Stick den Hals des Neugeborenen zudrückten, säuberte sein Gesicht und den Mund und betete. Das Kind zeigte keine Reaktion. Auch ein Klaps auf den Hintern brachte keinen Erfolg. Enttäuscht lies Sigrun von dem toten Bündel ab. Wer weiß, wie lange es schon in dieser Position im Körper der Mutter gelegen hatte? Jetzt galt es, sich um die Mutter zu kümmern. Griselda lag auf ihrem blutverschmierten Strohsack. Sie wirkte leblos. Nur das Pulsieren der Halsschlagader zeigte an, dass noch Leben in ihr steckte. „Ishild, schnell, bring mir meinen Hämatit-Stein. Sie blutet sehr stark. Wir müssen die Blutung stoppen, sonst erlebt sie den Sonnenaufgang nicht mehr.“ Ishild griff nach Sigruns Tasche. Doch da war kein Stein. Ishild krempelte das Innerste nach außen. Sigrun stand über Griselda gebeugt, drückte ihr mit der linken Hand saubere Tücher zwischen die Beine und hielt die Rechte ausgestreckt nach hinten. „Ishild, wo bleibt der Stein?“ Ishild begann zu weinen. „Ich finde ihn nicht, du musst ihn verloren haben!“ schluchzte sie. Sigrun schauderte. Sie hatte sich beeilt um auf die Burg zu kommen, in der Dämmerung war sie auf dem Weg im Laufen über eine Wurzel gestolpert und einige Meter die Böschung hinabgerollt. Konnte ihr der Stein dabei aus der Tasche gefallen sein? Griseldas Atemzüge wurden leiser. Das Blut hörte nicht auf zu fließen. Sigrun begann zu beten. „Jungfrau Maria, bitte für uns jetzt und in der Stunde unseres Todes. Hilf Griselda, sie darf nicht sterben. Sie hat schon ihr Kind verloren, nimm sie nicht auch noch zu Dir…“ Ishild fiel in das Gebet ein. Die Blutung wurde nicht weniger. Als die Morgensonne aufging, schien sie auf eine leblose Griselda und zwei weinende Frauen.

 

Graf Herwig hörte als Erster von dem Unglück. Wieder diese Hebamme. Hatte er mit ihr nicht schon einmal Ärger gehabt? Und nun war auch noch eine seiner Mägde tot. War das nicht die kleine Blonde, mit der er immer so viel Spaß gehabt hatte? Wütend stand der Graf auf. `Hexerei` durchzuckte es ihn. `Vielleicht hatte sie auch bei den Kühen ihre Hand im Spiel`. Dunkel erinnerte sich der Graf an den Tag, an dem seine Tochter zur Welt gekommen war. Da war doch noch etwas gewesen. Er konnte sich nicht daran erinnern, was genau vorgefallen war, aber er wusste, sie hatte etwas damit zu tun. Nachdenklich kratzte Herwig sich an der Schläfe, dort wo seit dieser Zeit einen kleine Narbe sichtbar war. „Holt mir diese Hexe von Hebamme, keiner kommt mir ungestraft davon, wenn eine meiner Mägde das Zeitliche segnet.“ Graf Herwig brüllte vor Wut. Konrad eilte nach draußen.

 

Zitternd stand Sigrun vor dem Grafen. Seit drei Tagen und Nächten hatte Herwig sie nun im Burgverlies schmoren lassen. Bisher hatte man ihr noch nicht gesagt, wessen sie sich schuldig gemacht hatte. Nun ja, er kam schon mal vor, dass Magd bei der Geburt ihres Bastards starb, doch noch nie hatte man sie, die Hebamme, dafür zur Rechenschaft gezogen. Das Leben ging weiter. Mägde waren ohnehin nichts wert in den Augen der Herrschaften. Wenn sie über keine besonderen Fähigkeiten verfügten, konnte man sie schnell ersetzen. Das konnte es also nicht sein. Oder doch? Graf Herwig saß mit zusammengekniffenen Augen auf seinem Stuhl. Er grübelte. Was hatte er mit der Alten noch zu klären? Er wusste, es hatte mit der Geburt seiner Tochter zu tun. Sicher, da war sie auf der Burg und entband sein Weib. Was noch? `Denk nach, Herwig, da ist noch mehr`, ging ihm im Kopf herum.

Wie sie da so vor ihm stand, mit hängenden Schultern, das lange Haar scheinbar über Nacht weiß geworden, dämmerte es ihm langsam. Sie war ihm damals bei Ishild in die Quere gekommen, sie hatte zum entscheidenden Schlag ausgeholt und ihn schwer getroffen. Sie musste ihn hassen, so wie sie mit ihm verfahren war! Schlagartig durchzuckte ihn die Erkenntnis: Sie war die Hexe! Sie war Schuld am Verenden seiner Tiere, sie hatte die Magd und ihr Ungeborenes umgebracht um ihm eins auszuwischen. Wut kochte in ihm hoch. „Gestehe!“ brüllte er sie an. Sigrun zuckte zusammen und brach in Tränen aus. „Was, Herr? Was soll ich gestehen? Ich habe nichts Unrechtes getan, habe treu im Glauben zu Gott gehandelt und mein Möglichstes getan. Aber Griselda war nicht mehr zu retten. Das Kind war vermutlich schon im Mutterleib gestorben, da hätte nur ein Wunder noch gewirkt.“

Herwig sah sie lange aus seinen tiefliegenden Augen an. Sein Blick verhärtete sich. „Du hast Fluch und Hexerei über unser Haus gebracht. Du hast unsere Tiere vergiftet! Meiner Frau, die unter der Geburt schon fast verblutet war, hast Du mit Zauberei geholfen. Seitdem verweigert sie sich mir. Du hast die Meinen verhext. Ich klage Dich, Sigrun, der Hexerei an und übergebe Dich am morgigen Tag dem Landvogt. Er soll über Dich zu Gericht sitzen. Wenn es nach mir ginge, sähe ich Dich lieber heute als morgen auf dem Scheiterhaufen!“ Herwig wandte sich ab. Er sah nicht mehr, wie Sigrun weinend zusammen brach.

 

Im Verlies war es dunkel. Wasser tropfte von den Wänden. Ein modriger Geruch stand wie eine zusätzliche Wand in dem kleinen fensterlosen Raum. Gelegentlich hörte man leise Geräusche, wie das Trippeln kleiner Pfoten im Stroh. Ratten. Die Hebamme dämmerte vor sich hin. Stricke schnitten in ihre Handgelenke, sie konnte sich kaum bewegen. „Sigrun, Sigrun“, flüsternd sprach eine Stimme auf sie ein. Ishild. Die junge Frau saß mit einer Kerze in der Hand neben ihr im feuchten Stroh. „Kind, wie kommst Du denn hierher?“ Sigrun versagte bei diesen Worten fast die Stimme. Schlagartig wurde ihr sie hellwach. „Hat man Dich auch der Hexerei angeklagt?“ Ishild schüttelte den Kopf. „Ich habe bei der Herrin ein Wort für Dich eingelegt. Sie hat es möglich gemacht, dass ich Dir etwas zu essen und zu trinken bringe. Wenn ihr Mann das erfährt, wird es ihr schlecht ergehen.“

Erst jetzt bemerkte Sigrun den Duft frisch gebackenen Brotes. Auch einen Krug mit kühlem Wasser hatte Ishild mitgebracht. Sie hielt ihn der alten Frau an die Lippen. Sigrun trank durstig, ein Teil des Wassers lief an ihrem Hals entlang auf den Boden und versickerte im Stroh. Ishild riss das Brot in kleine Stücke und hielt sie ihr hin. Erst jetzt bemerkte Sigrun, wie hungrig sie war. Gierig verschlang sie die Teile, mehrmals verschluckte sie sich und musste husten. „Langsam, langsam“, gemahnte Ishild. „Du sollst doch zumindest die Möglichkeit, dich zu verteidigen, wahrnehmen und nicht vorher schon ersticken!“ Sigrun dachte nach. Kauend meinte sie „Ich kann mir die Anschuldigungen nicht erklären. Dass Graf Herwig mich hasst, das steht außer Frage. Aber was habe ich mit seinen Tieren zu schaffen? Griselda wäre auch ohne mich gestorben. Und das Kind war sowieso nicht zu retten. Einen Vater scheint es nicht zu geben, zumindest hat außer dem Grafen keiner Anklage erhoben. Es bleibt abzuwarten, was an Beweisen vom Grafen benannt werden kann.“ Ishild strich ihr langsam über den Kopf. "Wenn ich Dir doch nur helfen könnte!" Sigrun verneinte. "Lass Dich da nicht mit reinziehen. Man ist schneller mit angeklagt, als man denken kann. Ich bin eine alte Frau, um mich ist es nicht so schlimm. Aber Du, Kind, Du hast doch Dein ganzes Leben noch vor Dir."

Ishild schluchzte. Dass sie ihre beste Freundin auf diese grausame Weise verlieren könnte, wurde ihr erst jetzt so recht bewusst. Vor der Tür rasselte ein Schlüsselbund. "Ich muss gehen." Ishild stand auf. "Wenn ich etwas für dich tun kann, so lass es mich wissen. Ich komme wieder, wenn es mir möglich ist. Vielleicht kann Gräfin Ursula dir helfen." Langsam bewegte sie sich auf den Ausgang zu. Sie warf noch einen Blick zurück, Sigrun war wieder in sich zusammen gesunken. Mit Ishild verlies auch das Licht den Raum. Dunkelheit umfing Sigrun wieder. Obwohl es selbst für Mitte August sehr heiß in diese Jahr war, kroch die Kälte in der Zelle von Sigrun in ihre Glieder. Bis hier war noch nie ein Sonnenstrahl gedrungen. Hoffnungslosigkeit breitete sich in ihr aus. Eine dumpfe Leere erfüllte ihre Gedanken. Leise begann sie zu beten.

 

In dieser Nacht tobte ein Unwetter über der Burg. Regen prasselte gegen die Mauern, der Wind heulte durch die kleinen Öffnungen der Fenster. Blitze zuckten und der Donner schien von überall gleichzeitig zu kommen. Als es zu hageln begann, glaubten viele an einen Vergeltungsschlag des Teufels. Verängstigt verkrochen sich die Bewohner der Burg in die Ecken der Kammern, dorthin, wo der Beelzebub sie nicht finden könnte. Zittern hockten sie dort und riefen die Jungfrau Maria an. Erst nach mehreren Stunden hatte der Sturm sich ausgetobt. Die Menschen bekreuzigten sich und gingen zu Bett.

Erst am nächsten Morgen wurde ihnen das ganze Ausmaß der Katastrophe bewusst. Der Sturm hatte das Dach vom Stall gerissen. Was an Vieh den Zauber der Hexe überlebt hatte, fand jetzt sein Ende unter faustgroßen Hagelkörnern. Das Korn, welches in den nächsten Tagen hätte geschnitten werden sollen, war fast bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Eine Hungersnot drohte den Bewohnern der Burg und den umliegenden Dörfern.

Herwig schäumte vor Wut. "Es wird Zeit, dass der Hexe der Garaus gemacht wird. Wie viel Schaden soll sie denn noch anrichten?" Ursula versuchte ihren Mann zu besänftigen. "Sie kann es doch gar nicht gewesen sein, sie liegt doch im Verlies. Ist das nicht eher ein Zeichen für ihre Unschuld?" "Unschuld?" brüllte Herwig los. "Du sprichst von Unschuld? Ist das nicht eher ein Beweis dafür, dass sie mit dem Teufel im Bunde ist? War er es nicht, der uns den Sturm geschickt hat? Ist er nicht persönlich über die Felder geritten und hat unsere Ernten vernichtet? Nein, unschuldig ist sie weiß Gott nicht. Sie hat ihn beschworen unser Vieh zu töten. Und als es beim ersten Mal nicht ganz gelang, musste er ein zweites Mal kommen. Konrad hat ihn selbst gesehen, wie er auf einem brennenden Besen um den Bergfried geritten ist und nach Sigrun gerufen hat. Konrad ist fast vor Angst das Herz stehen geblieben. Er wird es beschwören, wenn der Landvogt heute kommt. Brennen soll sie, die Hexe!" Herwig hatte sich in Rage geredet. Ursula winkte ab. Wenn er mit diesem Blick durch sie hindurch sah, war jedes weitere Wort zwecklos. Vielleicht konnte sie mit dem Vogt reden, wenn er eintraf.

 

Schon von weitem hörte man das Gefolge des Landvogtes. Adalbert war ein unehelicher Sohn des Markgrafen Otto II. Sein Vater ermöglichte ihm diese Laufbahn, da er sich in jungen Jahren durch besondere Gottesfürchtigkeit und ein hohes Maß an Wissen hervor getan hatte. So sicherte sich Markgraf Otto auch das Recht und seine Auslegung zu seinen Gunsten in seinem Herrschaftsgebiet. Auch nach dem Tode Ottos im Jahre 1205 und der Nachfolge seines Sohnes Albrecht änderte sich nichts am Status eines Adalberts. Weiterhin vertrat er den Landesherren in dessen Belangen und führte den Vorsitz bei Gerichtsbarkeiten. Dieses einträgliche Leben hatte dafür gesorgt, dass Adalbert einen mächtigen Körper vor sich her schob. Das kleine Pferd, das ihn trug, schien bald vor Anstrengung zusammen zu brechen. Um das Bild noch perfekt zu machen, brachte besonders Adalberts Vorliebe für schreiend bunte Stoffe den Zuschauer oftmals dazu, zweimal hinsehen zu müssen.

Bei seinen Männern hatte er den Ruf eines weibischen Weichlings. Kein Bett konnte ihm bequem genug sein, kein Linnen zu weich. Stets und ständig nörgelte er herum, wenn die Wege mal etwas weiter waren. Adalbert war einfach nicht für das Reisen geschaffen. So war es nicht verwunderlich, dass er nicht gerade in bester Laune an Nachmittag des 20. August 1216 auf der Burg eintraf. Der Graf eilte ihm entgegen. "Edler Herr Vogt, seid willkommen auf unserer Burg. Kann ich Euch zu Eurer Annehmlichkeit einen kühlen Trunk anbieten?" Adalbert, dem die Hitze des Tages sichtlich zu Kopf gestiegen war, nickte brummend mit diesem. Er hatte das Gefühl, sein Schädel würde jeden Moment platzen. "Bring mir Wein, Herwig, und dann lass uns zur Sache kommen. Ich möchte mich nicht länger als nötig bei dieser Hitze auf Reisen befinden."

 

Mara hatte den Lärm auf dem Burghof gehört und lehnte sich weit aus dem Fenster um eine Blick auf die Ankömmlinge zu erhaschen. Beim Anblick des fetten, schwerfälligen Mannes mit der bunten Kleidung, welcher mit hochrotem Kopf in der Sonne stand und gerade einen Becher Wein in einem Zug leerte, musste sie schallend lachen. Adalbert drehte den Kopf in die Richtung aus der das Lachen kam und vergaß dabei völlig, dass er einen halbvollen Weinbecher an seinen Lippen hatte. Schwallartig ergoss sich der liebliche Tropfen auf sein neues Wams. Adalbert keuchte vor Ärger.

Ursula, die soeben hinzugekommen war, setzte zum Gruß an. Adalbert wischte ihre Bemühungen mit einer Handbewegung weg. `Geht Frau und fallt uns nicht zur Last`, schien diese zu sagen. Er drehte sich zu Herwig um. "Ihr sagtet etwas von einer Sache mit außerordentlicher Dringlichkeit?" Herwig nickte beflissen. "Uns ist eine Hexe ins Netz gegangen. Ich verlange, dass Ihr schnellstmöglich über sie zu Gericht sitzt, so dass sie keinen weiteren Schaden anrichten kann!" "Eine Hexe, so, so." Adalbert fuhr sich langsam mit der Hand über das Kinn. "Ihr wisst schon, dass Ihr mindestens drei Zeugen bringen müsst, welche Hexe bei der Ausübung ihres schändlichen Werkes gesehen haben müssen. Oder sie muss eindeutig überführt sein, zum Beispiel durch ein Hexenmal oder ein Gottesurteil. Gesteht sie ihre Sünden oder habt Ihr sie schon peinlich befragen lassen?" Herwig schüttelte den Kopf. "Ich gestehe, ich habe von derlei Dingen keine Ahnung. Daher schickte ich auch nach Euch." Adalbert wandte sich ruckartig ab. "Bringt mich zu ihr. Alles ist besser, als in dieser Hitze hier in der Sonne zu stehen." Herwig schob sich an Adalbert vorbei und ging voran in das unterirdische Verlies.

Mara drehte sich zu Ishild um. "Ishild, wer ist der lustige Mann, der mit Vater dort im Burghof redet?" Ishild, die bis vor wenigen Sekunden über einer Stickarbeit saß, zuckte zusammen. `Der Vogt`, dachte sie, `so schnell`. Sie stand langsam auf, strich Mara langsam über das dunkle leicht lockige Haar und sprach langsam zu dem Mädchen. "Mara, das ist der Landvogt. Er wird über Sigrun zu Gericht sitzen. Sie ist angeklagt, unser Vieh verhext zu haben und am Tod von Griselda Schuld zu sein. Außerdem soll sie auch für den Sturm verantwortlich sein." Ishilds Augen füllten sich mit Tränen.

Mara bemerkte davon nichts. Sie prustete los: "Sigrun soll einen Sturm gemacht haben? Sigrun, die nicht mal schimpfen konnte, nachdem ich mal gegen sie gerannt bin und all ihre Kräuter auf den Boden gefallen sind? Die soll einen Sturm gemacht haben?" Mara schüttelte ungläubig den Kopf. "Das mit den Kühen ist allerdings schon merkwürdig. Vor ein paar Tagen ging es allen noch gut. Wir haben gefeiert, ich hatte extra aus dem Wald als Festmahl für die Anna und die Berta und die große Buntgescheckte so schöne Kräuter geholt. So ein leckeres Kraut mit gelben Blüten, da haben die sich vielleicht gefreut und ganz schnell gefressen. Und drei Tage später ist die Anna tot..." Maras Augen füllten sich jetzt auch mit Tränen. Sie schluchzte.

Ishild hielt inne. Ein gelbes Kraut, hatte Mara eben etwas von einem gelben Kraut erzählt? Ishild kannte eine Lichtung  in dem kleinen Wäldchen hinter der Weide, auf der dieses Kraut in großen Mengen wuchs. Sie hatte schon häufig dort ihre und Sigruns Vorräte aufgefrischt. Bingelkraut wurde aufgrund seiner abführenden Eigenschaften in Form von Tees gern bei den Dorfbewohnern eingesetzt, welche sich seit mehreren Tagen schon nicht mehr erleichtern konnten. Für den Menschen war dieses Kraut ungefährlich. Tieren jedoch durfte man diese Pflanze um keinen Preis als Futter reichen. Da die Vergiftungserscheinungen häufig erst nach Tagen auftreten, konnte man selten einen Zusammenhang erkennen. Bingelkraut! Das war die Lösung! Sigrun war unschuldig. Ishild drückte Mara wortlos an sich, wirbelte sie einmal kurz im Raum umher und stellte sie dann plötzlich auf den Boden. "Ich muss schnell zu Deiner Mutter!" rief sie Mara noch im Rauslaufen zu. Dann fiel die Tür ins Schloss und Mara war allein.

 

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Mara im TV:

31.08.2013 um 18:00 Uhr auf RBB
Link zur Mediathek hier auf der HP




 
Listinus Toplisten
 
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